Humoresk-satirische Splitter zu Kirche und Religion

Naja, heute eher betend

vom säkularen Kirchenlaien Erich Meier

 

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matth. 5,9)

Oh, oh, oh, Ohnmacht 24.02.2022

Nein, lustig ist das nicht. Eher zum Heulen. Sogar in der Noch-Comfortzone. Hier, wo die Menschen (ironisch gesprochen) dankbar strahlen und die Welt mit Lachen erfreuen. Krieg. Verdammt nah dran. Und ich hänge an meiner bescheidenen Comfortzone. Irgendetwas braucht doch jeder, das sein Herz erfreut. Und Nächstenliebe ohne Selbstliebe ist wie Suppe ohne Salz. Und ich will nicht geschmacklos sein.

nuclear-gd38323b7f_1280Es geschieht nicht unvorbereitet. Was es nicht besser, sondern schlimmer macht. Seit Tagen verfolgen mich, wie Millionen andere auch, die Meldungen über die von Putin angeordneten Truppenkonzentrationen. Das Schauspiel, das ja gar kein Schauspiel ist, wird mir aufgezwungen. In mich hineingedrängt. Die Satellitenbeobachtungen der Amerikaner lassen keinen Zweifel zu: die Situation ist äußerst gefährlich. Täglich wird es schlimmer. Von drei Seiten wird die Ukraine umstellt. Es wird von 150000 Soldaten gesprochen. Die Schlinge wird täglich enger. Spaß bringt es nicht, dabei zu sein, wie jemanden die Schlinge um den Hals gelegt wird und der Aggressor seine Überlegenheit demonstriert, indem er das Tempo bestimmt, in welchem er die Schlinge zuzieht. Mein Gott, was mutest du mir zu? Wie grausam ist das? Da kann einem schon so recht speiübel werden. Es ist zum Kotzen. Der Aggressor zeigt der Welt unverhohlen, wer hier Täter und wer hier Opfer ist.  Ich sehe es und will es sofort vergessen. Zar Putin empfängt Politiker wie Macron und Scholz. Nach dem Besuch von Scholz hoffen etliche Menschen, dass Putin die Truppen zurückziehen könnte. Trotz all meiner Skepsis ertappe auch ich mich dabei, einen Mini-Rest Hoffnung zu hegen. Irgendetwas in mir will einfach nicht glauben, wie fürchterlich dieser Aggressor ist. Es ist eine bittere Lachnummer. Es ist doch noch immer gut gegangen. Zwar nicht so ganz, aber auch nicht so ganz schrecklich. Also, noch können wir lachen und Witze machen. Auch über uns. Noch lebt die Comfortzone, auch innerlich. Sanktionen? Ha, ha, ha,… es wird viel geredet. Wird schon laufen. Ist doch alles nicht so ernst gemeint, wie es gesagt wird. Bleiben wir locker. Keine Panik, wir hier sind nicht die Titanic. Möchten Sie den Cappucino auf dem Sonnendeck? Und danach den Wein?

Dann der Morgen des 24.02.2022. Putin hat es gemacht. Der Angriffskrieg läuft. Seinen grausamen Worten folgen ebensolche Taten. Und zwar nicht auf kleiner Flamme und regional begrenzt, nein es geht gegen die gesamte Ukraine. Hier wird auf grausamste Art ganze Arbeit geleistet. Von wegen: Hier wird nur martialisch geredet. Hier wird mindestens ebenso martialisch gehandelt. Da verschlägt es einem die Sprache. Mich packt eine gewisse Lähmung. Meine schöne Spaßzone wird mir kurzerhand kaputt gemacht. Fuck. Ich will eigentlich einen morgendlichen lockeren Tweet absetzen und merke, dass dieser Schrecken jedwedes Witzeln im Moment unmöglich macht. Lachen und Humor werden mir gerade ausgetrieben. Ich, der gerade mit all seinen Versuchen, dieser Welt mit Humor zu begegnen, scheitert, mutiert selber zur Lachnummer. Der Vernichter triumphiert und grinst. Der Comedian ist zu lasch für diese Welt. Nichts als ein elendes Weichei. Für den Aggressor zähle ich da null. Aber der Künstler, der zum Präsidenten gewählt wurde, soll vorgeführt und ausgelöscht werden. Ist ja eh nur ein Drogenabhängiger. Hässliche Macho Worte wie „Übermacht“ und „zigfache Überlegenheit“ legen sich bleischwer über diesen Morgen. Wie etlichen anderen bleibt auch mir nur ein Stammeln. „Viel Unsicherheit, was es auch für uns heißen wird. Schrecklich. Ich kann nicht ermessen, was da gerade alles kaputt geht.“

Ich mag Ohnmacht nicht. Stammeln ist immerhin ein Weg, damit zurecht zu kommen. Mit Stammeln bringt man keinen übermächtigen Vernichter zum Verschwinden. Darum geht es in diesem Moment auch nicht. Es geht darum, sich angesichts eines lebensbedrohenden Schreckens nicht selber zum Verschwinden zu bringen. Der Diktator, der sich gerade zum Allmächtigen über Leben und Tod aufschwingt, muss und soll ertragen, wie viele kleine sogenannte Arschlöcher wie ich zwar kurz zu Boden gehen, aber nicht alle Hoffnung aufgeben. Innerlich schreit etwas in mir, dass die übermächtige Gewalt nicht das letzte Wort haben soll. Gegen das Grinsen des Mächtigen ruft etwas in mir: Mein Gott, zeige dem Kriegstreiber nachts immer wieder das Bild von Millionen kleiner Arschloch-Menschen, die in die Knie gehen und darin Kraft finden. Eine Kraft, die das Durch-und-durch- und Nichts-als-Arschloch letztlich auf die Knie und zu Boden zwingt. Diese Hoffnung braucht einen, wie es im Social Media Jargon heißen könnte, verfickt langen Atem. Gebet kann „Resilienzvorsorge“ sein wie die Regionalbischöfin Petra Bahr ausführt.

Dem Vernichter aus Moskau wird Wahnsinn bescheinigt. Hier rast einer ins Morden, der scheinbar jedwedes Abwägen von Schaden und Nutzen hinter sich gelassen hat. Die Obsession hat die eigene Vernunft getötet und vollstreckt jetzt, egal zu welchem Preis. Gespräche werden zur Farce und Regeln gelten nur, wenn die Obsession sie will. Nein, nein, ruft da etwas in mir: so schlimm darf es nicht sein. Gegen diesen Wahnsinn anzukommen erscheint wie Wahn. Und genau das denkt der Wahn des Obsessiven: Nur Wahnsinnige können es mit mir aufnehmen. Denn auch die A-Bombe kann ich zünden.

Mein Gott, nun lass mich bitte nicht auch zum Obsessiven werden, der nur noch seine Größenphantasien kennt. Schüttel mich, damit ich jeden Tag bedenke, dass wir Viele und viele Verschiedene sind. Mein Gott, du kennst mich: manchmal kann und will ich nur noch ausrasten. Lass mich nicht müde werden, die Mühen des beherzten Denkens auf mich zu nehmen.

Ein User auf Twitter glaubt, dass es mit Annegret Kramp-Karrenbauer nie so weit gekommen wäre. Ja, wenn man sie nur gelassen hätte. Die gute Frau twittert ihr Rezept: „Wir haben die Lehren von Schmidt und Kohl vergessen, dass Verhandlungen immer den Vorrang haben, aber man militärisch so stark sein muss, dass Nichtverhandeln für die andere Seite keine Option sein kann.“ Wäre schön gewesen, wenn es so geklappt hätte. Ist nun leider nicht so gewesen. Ob es im Falle von Putin geholfen hätte? Ich zweifle daran. Ich höre da einen Schrei, der als Gebet hieße: Gott schenke uns die Comfortzone mit unserer militärischen Überlegenheit, damit wir mit anderen dann auch entspannt verhandeln können. Und Gott verschone uns von aller Ohnmacht. Lass immer die Macht, am besten die Übermacht, mit uns sein. Ich für mein Teil bitte: Lass uns den Verstand benutzen, um genau zu prüfen, was wir erreichen wollen und was wir dafür militärisch brauchen. Lass uns nicht ermüden, gründlich zu denken und zu handeln. Und mag der fucking Atem, den du uns gabst, dafür lang, lang, lang genug sein.

ukraine#GodStandsWithUkraine nennt sich seit neuestem der Account God. Der Mann mit dem Bart wurde ersetzt durch die die Farben gelb und blau der Ukraine. Damit ist klar, wo God auf Twitter steht. Ich will die aufschlussreichen Aussagen einiger Tweets aus den letzten Tagen nicht verschweigen. „Madness“, „I don’t see a future with you in it“, „The closer the world gets to ending, the more you want it to“, „Sometimes I feel so powerless“, „earth used to be a good place to raise a familiy.“, It’s always a handful of total assholes who make life miserable fort the partial assholes.“ Den Account kann es nur auf Englisch geben. Denn unbefangen in einer Versammlung Gottes Wirken zu hinterfragen und ihm andererseits sogar Tipps zu geben mit Putin doch eher als Lenin anstatt als Gott zu reden, scheint mir für uns dann doch etwas zu locker zu sein.

Vorsichtige deutsche Kirchentheologen senden auf Twitter einfach einen Bibeltext. Es hat für mich den Charme von Botschaften aus einer Parallelwelt. Oder man wendet sich einfach nur noch an Gott: Herr, gib uns deinen Frieden, gib uns deinen Frieden, Frieden, gib uns deinen Frieden, Herr, gib uns deinen Frieden. Deutlich wird für mich eine große Friedenssehnsucht. Gesungen als dona nobis pacem hat es Sehnsuchts- und Utopie Potenzial. Kirchentheologen suchen auf Twitter nach passenden Worten für die Gebete und die EKD verschickt einen Sondernewsletter mit Hilfsmitteln. Die obersten Kirchenleute finden klare Worte, wer der Aggressor ist. Also, das ist mehr als nur abstraktes religiöses Gewaber im Ungefähren. Da ist Bewegung. Könnte ich mehr mit Gott auf Du und Du sein wie einst Abraham, könnte ich das zum Anlass nehmen, um zeitangemessen mit ihm einen veganen Auflauf essen und einen Biowein trinken.

Ein User teilt auf Twitter mit, dass er für den Frieden betet, jedoch parteilich für die Ukraine und damit auch dafür, dass russische Soldaten getötet werden können. Er fragt sich, ob er das darf. Er zitiert einen Psalm: "Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben. Du treibst meine Feinde in die Flucht, dass ich vernichte, die mich hassen." (Ps 18,40f) Für mich schon harter Tobak. Und dennoch kann ich den Mann verstehen. Wie gesagt, ich muss da schon kräftig schlucken. Da kann ich schon mal ausrufen: Herrje, musste mir das nun auch noch zugemutet werden! Mein weitgehender Pazifismus sieht plötzlich aus wie eine gemütliche Plüschzone. WTF (Twitter übersetzt: What the fuck) ich hasse diese Situation.

Mit dem Lachen ist es in diesen Tagen auf Twitter nicht immer so ganz einfach. Sascha Lobo twittert: „Moskau (dpo) – Brandenburger Tor drei (!) Tage in Ukraine-Farben angestrahlt: Putin gibt auf „Es war zum Schluss einfach zu viel, zu hell, zu heftig“, wird Wladimir Putin zitiert, bevor er den unterschriebenen Blanko-Friedensvertrag nach Kiew sendete.“ Solch ein satirischer Tweet kann verschieden gelesen werden. Will Satire hier sagen: Das Tor anzustrahlen ist nix als Quatsch? Es ist nur gut, was der Ukraine direkt hilft? Wenn ja, dann wäre jedwedes Beten und Singen genauso, wenn nicht noch viel mehr, als Blödsinn entlarvt. Oder will der Tweet sagen: Symbolische Handlungen können nicht alles sein? Was immer nun Sascha Lobo geritten haben mag, diesen Tweet abzusetzen, die Kritik daran zeigt, dass Menschen solche symbolischen Handlungen wichtig sind. In Anlehnung zu dem, was ich vorhin zum Gebet gesagt habe, lässt sich sagen, dass solche symbolischen Handlungen sowohl Solidaritätsbekundungen als auch Resilienz-Vergewisserungen sind. Also, damit ist alles easy? Nein, eben leider nicht. Den Spagat zwischen symbolischen Gesten und konkreten Handeln müssen wir wohl oder übel immer wieder ausloten. Billiger geht es nicht. Klar rufen jetzt ein paar innere Stimmen: Ginge es wohl nicht etwas einfacher Gott? Und Gott schaut vor sich hin, trinkt seinen imaginären Kaffee und sagt: Das ist die Differenz zwischen Imaginär und Inkarniert. Vergesst es niemals. Never. Never.

Präsident Zelenskij twittert am 26.02. um 19:34 Thanked Pope @Pontifex for praying for peace in Ukraine and ceasefire. The Ukrainian people feel the spiritual support of His Holiness.

Comfortzone noch bist du so nah, so dass ich dich ganz selbstverständlich genieße. Wenn es anders kommt, werde ich dich noch einmal ganz anders wertschätzen. Noch ist nicht die Zeit für Abschied und Trauer. Also, lachen wir zusammen und sind gut zu uns und anderen.

Hier einige Hinweise, wer sich informieren möchte:

Die Eule ヨ Ukraine-Krieg: Die Religions- und Kirchennachrichten im ᅵberblick (eulemagazin.de)

Die Eule ヨ WTF?! (13): Der Ukraine-Krieg und die Orthodoxen Kirchen (eulemagazin.de) (Von der Seite geht es zu einem Podcast zu dem Thema, gute Infos zu den orthodoxen Kirchen)

https://www.ekd.de/newsletter/ekd-newsletter-nr-641-25-februar-2022-71724.htm (Mit Link zu sehr konkreten Handreichungen zu Liturgie und Gebet; )

Gebete: Verleih uns Frieden | ZEIT ONLINE   (Artikel von der von mir erwähnten Petra Bahr)

Und noch ein Tweet nach dem Schreiben: @DetlefPollack Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., hat die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“ bezeichnet. „Wir dürfen uns nicht von dunklen und feindlichen äußeren Kräften verhöhnen lassen“, hob er in seiner Predigt am Sonntag hervor. (27.02.17Uhr)

Erich Meier

OhohohOhnmacht24.02.2022

als pdf

Bild anklicken

Titel-1

Erich Meier erzählt sein 2020 humoresk und meinungsstark

  ja-einfach-ja    Alfred Schultz    ernst, komisch,   eigensinnig, das ästhetische, ethische, religiöse JA

Website_Design_NetObjects_Fusion
Nietzsche
Arminia
Titel-1

Buch zur

aktuellen Situation

hier mehr

Kaiser
ukraine